Mittwoch, 21. November 2018
Solidaritätsanzeige

Schräge Geschäfte im VatikanSchräge Geschäfte im VatikanDie römische Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit gegen die Bank des Vatikans, die sich sinnigerweise Istituto per le Opere di Religione (Institut für die religiösen Werke) nennt, wegen des Verdachts der Geldwäsche. IOR-Präsident Ettore Gotti Tedeschi und Generaldirektor Paolo Cipriani werden beschuldigt, die italienische Zentralbank nicht über Absender und Empfänger von Transfers über 5.000 Euro informiert und damit gegen das 2007 verabschiedete Geldwäschegesetz verstoßen zu haben.



Bisher wurden zwei Kontobewegung über 23 und drei Millionen Euro bekannt, die das IOR von einem offenbar anonymen Konto an die Frankfurter Niederlassung von J. P. Morgan und die römische Banca del Fucino anschob. Die Gelder wurden beschlagnahmt. Der Vatikan erging sich nicht nur in Unschuldsbeteuerungen, sondern forderte auch die konfiszierten Beträge zurück.

Insider in Rom vermuten, es könnte sich wieder einmal nur um die sprichwörtliche Spitze des Eisberges handeln. Zum Sachverhalt gehört, daß das IOR, obwohl meist als Vatikanbank bezeichnet, durch Erlaß Pius XII. 1942 Privatbesitz des Papstes wurde, der auch ihre Gewinne einnimmt. Die Bank legt weder Bilanzen noch Geschäftsberichte vor.

Der heutige deutsche Papst Benedict XVI. hat persönlich Erfahrungen, wie man das IOR und beschuldigte Würdenträger der italienischen Justiz entzieht. Als er im November 1981 als Kardinal Joseph Ratzinger in Rom sein Amt des Präfekten der Glaubenskongregation antrat, steckte der Vatikan tief in einem der schmutzigsten Skandale der Nachkriegsgeschichte.

Im März des Jahres war die mit Geheimdienstkreisen (darunter der Vatikanische Pro Deo), Regierungsmitgliedern, der Finanzwelt, der Mafia und höchsten Würdenträgern der Kurie verquickte faschistische Putsch-Loge P2 aufgedeckt worden. Sie wollte per kalten Staatsstreich ein Regime faschistischen Typs an die Macht bringen. So fädelte sie u.a. im März/Mai 1978 die Entführung und Ermordung des christdemokratischen Parteiführers Aldo Moro ein. Anfang der 90er Jahre kam durch Prozesse gegen Wirtschaftskriminelle ans Licht, daß die P2 unter aktiver Teilnahme des IOR Korruption und Bestechung im Ausmaß von Milliarden Dollar betrieb.

Der neben dem heutigen Regierungschef Silvio Berlusconi im Dreierdirektorium der Loge sitzende Sozialistenchef Bettino Craxi wurde rechtskräftig zu insgesamt 26 Jahren Gefängnis verurteilt. Vor Antritt der Haftstrafe floh er nach Tunis, wo er im Januar 2000 verstarb.

Komplize der Mafia

Die P2 war gleichzeitig ein Verbindungszentrum zwischen der Vatikan-Finanz und den verschiedenen Gruppierungen der sizilianisch-US-amerikanischen Mafia. Sie beherrschte zwei der sowohl national wie international einflußreichsten Institute: Den Banco Ambrosiano (BA) und den Banco Nazionale del Lavoro. An Hand der verbrecherischen Karriere zweier Finanzhaie, Roberto Calvi, Chef des BA, und Michele Sindona, beide Finanzmanager des IOR, wurde die Komplizenschaft der Kurie mit dem organisierten Verbrechertum, insbesondere der Mafia, und ihre Beteiligung an Korruptionsaffären der übelsten Art sichtbar. Als Erzbischof Kasimir Marcinkus 1970 Chef des IOR wurde, stieg er ebenfalls in dieses Verbindungszentrum ein. Zu seinen Bubenstücken gehörte der Versuch, gefälschte Aktien im Wert von 500 Millionen Dollar zu verkaufen.

Michele Sindona stand an der Spitze eines riesigen Finanz- und Wirtschaftsimperiums, das 1974 zusammenbrach. In Italien wurde er u.a. wegen Bilanzfälschungen, wegen Heroinhandels zwischen Italien und den USA in Höhe von jährlich 600 Millionen Dollar und der Anstiftung zum Mord vor Gericht gestellt. Als er drohte, »klingende Namen« zu nennen, wenn der Prozeß nicht eingestellt werde, schlug die Omerta zu. Am 22. März 1986 starb er in seiner Zelle an einer Überdosis Zyankali.

»Bankier Gottes« aufgehängt

Unter die Praktiken Roberto Calvis, den man »Bankier Gottes« nannte, fiel der Versuch der Kurie, den italienischen Staat um 2,2 Milliarden Dollar Mineralölsteuer zu betrügen. Als der BA, an dem das IOR als Mehrheitsaktionär beteiligt war, mit einem Verlust von über drei Milliarden Dollar 1982 Bankrott machte, erhoben 120 Gläubigerbanken Forderungen gegen ihn. Unter anderem waren 700 Millionen Dollar spurlos verschwunden, die Calvi mittels »Patronage«-Briefen (Bürgschaften der Vatikanbank) von ausländischen Banken als Kredite erhalten hatte.

In einem anderen Fall hatte die Vatikanbank vom Ferruzzi-Konzern 75 Millionen DM Schmiergelder entgegengenommen und auf Konten in Luxemburg transferiert, wo sie italienischen Politikern zur Verfügung standen. Das IOR mußte offiziell Verluste von 160 Millionen Dollar hinnehmen (die tatsächliche Summe wurde bedeutend höher veranschlagt) und darüber hinaus für seine Beteiligung an Briefkastenfirmen Calvis 250 Millionen Dollar Entschädigungen zahlen.

Roberto Calvi floh nach London. Als er dort drohte, die Hintermänner zu nennen und selbst den Papst bloßstellen wollte, ereilte ihn bereits vier Jahre vor Sindona dessen Schicksal. Am 18. Juni 1982 wurde er unter der Black Friars Bridge erhängt aufgefunden. Mit Calvi schaltete die Mafia einen der gefährlichsten Mitwisser aus. Denn über den »Bankier Gottes« liefen auch Zahlungen des Vatikans und von Papst Wojtyla persönlich für die Untergrundarbeit der polnischen »Solidarnosc«. Die von den USA beigesteuerten Summen gingen an IOR-Chef Marcinkus. Die Finanzhilfe des Vatikans wurde auf mehr als eine Milliarde US-Dollar beziffert.

Um Erzbischof Marcinkus und weitere Würdenträger des Vatikans den römischen Ermittlungen zu entziehen, bildete Kardinal Ratzinger, der heutige Papst, eine eigene »Untersuchungskommission«. In ihr wirkte kein Geringerer als der damalige Chef der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs mit. Ratzingers »Untersuchungen« zogen sich über Jahre hin. Im Gegensatz zu Calvi und Sindona bewahrte Marcinkus eisernes Schweigen, was ihn wahrscheinlich vor deren Schicksal bewahrte. 1990 wurde er von der Ratzinger-Kommission freigesprochen. Als IOR-Chef war er allerdings zu sehr kompromittiert. Er wurde in die USA zurückgeschickt, wo er im März 2006 starb.

Der Autor verweist auf ausführliche Darlegungen zum Thema in seinem Buch »Der Heilige Vater. Benedikt XVI. - Ein Papst und seine Tradition«, PapyRossa, Köln 2010.

Gerhard Feldbauer, Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

 

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