Montag, 10. Dezember 2018
Solidaritätsanzeige

Eine Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn und mit weniger Arbeit – das geht. Internationale Beispiele zeigen, wie.

Träumerei, unrealistisch, undurchführbar – das hört man oft, wenn´s um Arbeitszeitverkürzung geht. Aktuell wird die Forderung nach AZV gerade im Sozial- und Gesundheitsbereich oder auch im privaten Bildungssektor aufgestellt. Viele überzeugende und stichhaltige Argumente gibt es dafür, und genauso erbitterten Widerstand von Arbeitgeber- und Finanzierungsseite dagegen.

Also haben wir uns auf die Suche gemacht nach realistischen und schon realisierten Beispielen für den verwirklichten Traum einer kürzeren Arbeitszeit – und wurden auch fündig.

Ein Blick ganz in den Norden Schwedens: dort liegt die Stadt Kiruna. Die Gegend ist geprägt vom Bergbau – und doch wurde nicht dort, sondern bei den städtischen mobilen KrankenpflegerInnen schon im Jahr 1989 der 6-Stunden-Tag eingeführt. Nicht als Teilzeit, sondern als Vollzeitvariante mit Gehaltsausgleich. 16 Jahre lang wurde diese Arbeitszeitverkürzung von den PflegerInnen für ältere Menschen erfolgreich praktiziert (dann kam der politische Rechtsruck, und das Modell wurde abgedreht).

Am anderen Ende Schwedens, in Göteborg, liegt das Sahlgrenska-Krankenhaus. 2015 startete ein Projekt für einen Zeitraum von vorerst zwei Jahren: die Einführung einer 32- Std.-Woche. In der orthopädischen Abteilung war es zuvor schwer, Personal zu finden, die Burnout-Zahlen waren hoch, die OP-Säle nicht optimal ausgenutzt. Die etwa hundert Beschäftigten in sieben Operationssälen arbeiten nun in zwei Schichten à sechs Stunden. Die Zahl der Operationen sei um zwanzig Prozent gestiegen, und die zusätzlichen Personalkosten konnten sich dadurch sogar amortisieren. Krankenschwester Karin Bengtsson: “Ich habe jetzt Zeit, mich zu erholen und Sport zu treiben, und das brauche ich, um gute Arbeit zu machen und nicht selbst schlappzumachen. Und wir müssen nicht unzählige Übergabe-Berichte an die Kollegen schreiben.”

In derselben Stadt befindet sich das Svartedalens-Heim. 70 PflegehelferInnen wechselten vom 8- zum 6- Std.-Tag bei voller Bezahlung, 15 zusätzliche wurden eingestellt.

Ziel dieses wissenschaftlich begleiteten Projekts war herauszufinden, wie Gesundheit und Lebensqualität durch Arbeitszeitverkürzung beeinflusst werden und welche sozio-ökonomischen Auswirkungen diese hat. Es waren 10% weniger Krankenstände zu verzeichnen sowie die Verbesserung des Gesundheitsempfindens um 50%, und: die Beschäftigten verwendeten einen massiv höheren Anteil ihrer Arbeitsstunden für Sozialaktivitäten mit PatientInnen (z.B. Spiele, Spaziergänge, Singen). Eine 41jährige Kollegin beschrieb das so: „Ich war ständig erschöpft vorher. Ich kam von der Arbeit nach Hause und legte mich aufs Sofa. Aber jetzt nicht mehr. Ich habe viel mehr Energie, für meine Arbeit und auch für meine Familie“. Rund die Hälfte der Ausgaben für das Zusatzpersonal wurde durch den Rückgang bei den Krankenständen und Ausfallszeiten kompensiert, die Langfristeffekte werden mit Sicherheit die Kosten noch weiter reduzieren.

Doch nicht „nur“ bei den Pflegekräften gibt es AZV-Modelle. In einem Spital in Skellefteå profitiert gerade aktuell das Reinigungspersonal von einem seit März 2017 laufenden Pilotprojekt mit 6- Std.-Tag. In einer gänzlich anderen Branche arbeitet Magnus Wikström. Der Kfz-Mechaniker ist in einer Autowerkstätte beschäftigt, die schon vor fünfzehn Jahren den 6 Std.-Tag einführten. Die Mechaniker hier arbeiten auch 6 statt 8 Stunden bei vollem Lohn – in zwei Schichten. Magnus: “Das tut mir gut. Ich möchte nicht wieder auf acht Stunden zurück.”

Neben diesen einzelnen Vorreiter-Projekten gibt es natürlich auch viele, durch Kollektivverträge oder Gesetzgebung erreichte Verkürzungen der Wochen- bzw. Jahresarbeitszeit in vielen Ländern: So in den 90er Jahren auf gesetzlicher Ebene insbesondere in Frankreich, Belgien und Italien diskutiert und teils auch realisiert. Dagegen vereinbarten etwa in den Niederlanden (bis 37h) und in Dänemark (auf bis zu 36h) die Kollektivvertragsparteien Verkürzungen der Wochenarbeitszeit.

Doch auch wenn diese Arbeitszeit-Errungenschaften in den letzten Jahren unter schwerem Beschuss stehen: Es zeigt, dass Arbeitszeitverkürzung möglich und in letzter Instanz eine Frage der politischen Kräfteverhältnisse und des gewerkschaftlichen Drucks ist!

 Artikel aus dem aktuellen KOMpass 01/2018. Kostenlos bestellbar unter: info(at)komintern.at

Quelle:

KOMintern

 

Real time web analytics, Heat map tracking

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie fortfahren, ohne die Einstellungen Ihres Browsers anzupassen, wird davon ausgegangen, dass Sie alle Cookies dieser Webseite empfangen möchten. Sofern Sie die Cookies dieser Webseite ablehnen oder löschen möchten, können Sie dies in den Einstellungen des Browsers tun. Beachten Sie aber, dass die Bedienbarkeit der Webseite damit eingeschränkt sein kann.