Montag, 23. Juli 2018
Solidaritätsanzeige

Der 200. Geburtstag von Karl Marx hat Politiker und Redakteure reihenweise vor Probleme gestellt. Sei es nun fehlenden Seiten in den Geschichtsbüchern geschuldet, oder einfach nur generell mangelnder Bildung, oder in vielen Fällen auch latentem Antikommunismus – was da alles im Zusammenhang mit dem Geburtstag des Begründers des wissenschaftlichen Sozialismus in Reden und Artikeln abgesondert wurde, spottet jeder Beschreibung. Offenbar war man davon ausgegangen, daß die Feierei, die von der SPD und deren Stiftung, von der Stadt Trier bis hin zu den Bischöflichen veranstaltet wurde, lediglich lokalen Charakter haben würde – ein bißchen Marx, ein bißchen Folklore und jede Menge Kommerz, und dann Schwamm drüber.

Ganz so einfach wurde es ihnen aber nicht gemacht. Denn es löste vor allem in den Redaktionen der bürgerlichen Medien einige Verwirrung aus, daß sich mehrere hundert Kommunisten aus der ganzen Bundesrepublik Deutschland, aus Luxemburg, aus Frankreich, aus Britannien und aus anderen Ecken der Welt mit ihren roten Fahnen auf den Weg nach Trier gemacht hatten, um das historische Ereignis nicht zu versäumen: daß nämlich nach all der Schleiferei von Denkmälern aus den Zeiten der DDR nun ein Denkmal für Marx errichtet und eingeweiht wird. Und um den Mann zu seinem Geburtstag zu ehren und zu feiern, der uns ganz maßgeblich vermittelt hat, daß die Gesellschaft nicht nur erkennbar, sondern auch veränderbar ist, sofern man ihre innere Verfaßtheit verstanden hat.

Diese Erkenntnis ist allerdings den selbsternannten Festrednern fremd, denen es in erster Linie darum ging, den geladenen Zuhörern umständlich zu erklären, daß man den greisen Philosophen aus Trier nicht für »all die Verbrechen« verantwortlich machen solle, die angeblich in seinem Namen geschehen seien. Ja, es stimmt, daß bei dem Versuch, eine bessere, gerechtere Gesellschaft zu schaffen, ohne Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, also in Marxens Sinne, mit gleichen Chancen und gleichen Rechten für alle, auch eine Menge Fehler gemacht wurden und Verfehlungen passierten. Aber warum wird genau das immer dann hervorgehoben, wenn es um sozialistische und kommunistische Ideen geht? Das Christentum hat es in immerhin 2.000 Jahren nicht geschafft, die Grundideen der Bibel zu verwirklichen.

So mancher Redner und Schreiber ging so weit, wieder einmal die Diktatur des Faschismus mit den Zeiten des Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft gleichzusetzen. Damit befinden sich diese Leute in geistiger Gemeinschaft mit den rund drei Dutzend Krakeelern von der AfD, der NPD und ähnlichem Gesocks, die sich am Rande der Einweihung des Marx-Denkmals zusammengerottet hatten. Über das kleine Häuflein der strammen Antikommunisten wurde in den bürgerlichen Medien gern berichtet, wobei deren Zahl bei der ARD mehr als verdoppelt wurde und in den ZDF-Nachrichten gleich auf »Hunderte« anwuchs. Mit den Kommunisten und anderen Linken und deren roten Fahnen bei der Demonstration durch Marxens Geburtsort konnte man dagegen nichts anfangen – und deckte den Mantel des Schweigens über sie.

Allein zwei Nachrichten vom selben Wochenende – übermäßige Ausbeutung bei der Deutschen Post und eine Klage gegen einen Auto-Manager – lassen erkennen, wie aktuell die Erkenntnisse von Marx auch heute sind. Denn spätestens seit dem Kommunistischen Manifest von 1848 wissen wir, daß es der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ist, den es aufzulösen gilt, wenn wir tatsächlich eine bessere Gesellschaft wollen.

Uli Brockmeyer

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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