Sonntag, 21. Oktober 2018
Solidaritätsanzeige

Die Sprachendiskussion flammt pünktlich vor Wahlen immer wieder auf, wie sie auch zu späterer Stunde an vielen Biertischen im Lande das ganze Jahr hindurch präsent ist. Sie gilt noch immer als ein rein »rechtes« Thema, welches nur dem Stimmenfang unter den Unzufriedenen diene. Doch ist dem wirklich so?

Ein Beispiel aus einer Südgemeinde vom gestrigen Freitagmorgen: Ein älterer Mann kommt in eine Arztpraxis, kann sich nur äußerst gebrochen auf Französisch verständigen und ist auf die Hilfe anderer Personen vor Ort angewiesen, um sein Anliegen vorzutragen.

Er sei 85 Jahre alt und lebe seit 55 Jahren in dieser Gemeinde, verkündet er einem anderen Wartenden. Als er in den Behandlungsraum geht, unterhalten sich mehrere Personen, wie es möglich sein kann, so lange hier zu leben und noch immer Sprachprobleme zu haben, die zu solchen Kommunikationsproblemen im Alltag führen. Sind solche Gedanken »rechts«?

Nun ist es klar, daß manche Menschen, die vielleicht erst im Alter eingewandert sind oder aufgrund ihres Bildungsstandes Probleme mit der sprachlichen Integration haben. Aber der Herr weiter oben ist ein zugegebenermaßen extremes Beispiel dafür, daß Integration auch in Luxemburg zu einem großen Teil über die Sprache funktioniert. Ist es dies, was man »Zesummeliewen amplaz Integratioun« nennen könnte?

Natürlich ist die Sprachensituation in diesem Land eine andere als in den großen Nachbarländern, doch sollte dieses Argument kein Freischein dafür sein, sich beim Schritt, ein Leben in einem anderen Land zu beginnen, mit allem, was damit zu tun hat, eine Blase aufzubauen, in der nichts an einen herankommt, aber aus der heraus man auch nicht mitbekommt, was in der Umgebung vor sich geht.

Dies stellt insbesondere im Umfeld von Wahlen ein Problem dar, wenn es alle Jahre wieder heißt, die Einbürgerungskriterien müßten weiter gesenkt werden, um dem Ausländeranteil in Luxemburg auch beim Urnengang gerecht zu werden. Die CHFEP kritisierte bereits im Januar das neue Einbürgerungsgesetz und äußerte die Sorge, daß das neue Gesetz einigen Anforderungen, die eine Einbürgerung mit sich bringe, nicht mehr umfänglich gerecht würde.

Insbesondere beim wie erwähnt äußerst beliebten Bodenrecht warnte die CHFEP davor, der Blick könne von ausreichenden Sprachkenntnissen zu sehr abschweifen. In der Tat: Wie kann sichergestellt werden, daß diese Kandidaten über die nötigen Kenntnisse der luxemburgischen Sprache verfügen? Bei ihrer Einbürgerung werden diese nicht abgefragt und Kurse sind somit ein Ding der Freiwilligkeit. Im Gegensatz zum alten Nationalitätengesetz wurde das Niveau in Hörverstehen und Aussprache noch weiter abgesenkt, um Menschen, denen das Erlernen einer Sprache schwerfällt, entgegen zu kommen.

Bei aller durchaus notwendiger Mehrsprachigkeit besteht kein Zweifel daran, daß Luxemburgisch als Integrationssprache unumgänglich ist, um am Leben teilzunehmen. Sprachliche Integration hilft, soziale Isolation und daraus resultierende Spannungen zu vermeiden. Es braucht also auch eine gewisse intellektuelle Anstrengung, diesen Schritt zu gehen. Deshalb ist es wichtig, auch abseits der klassischen Naturalisation die Erlangung sprachlicher Kenntnisse weiterhin abzusichern.

Mit der Arroganz vieler »liberaler« Bildungsbürger, die eine solche Diskussion ablehnen, weil es sie selbst nicht betrifft, treibt man manchen Wähler, der sich damit schwerer tut, womöglich vor Wahlen in eine Ecke, die davon profitieren will, daß eine gesamtgesellschaftliche Diskussion nicht offen geführt wird.

Christoph Kühnemund

 

Aus: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

 

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