24 | 01 | 2020

Sanna Marin. Foto: Laura Kotila, valtioneuvoston kanslia, CC BY-SA 4.0Sanna Marin. Foto: Laura Kotila, valtioneuvoston kanslia, CC BY-SA 4.0Viel wird gelästert und gehöhnt über Finnlands neue Regierungschefin Sanna Marin. Sie ist jung und hat obendrein eine Idee wieder auf die Tagesordnung gebracht, die immer weiter in Vergessenheit gerät: Arbeitszeitverkürzung als Beteiligung der Massen am geschaffenen Wohlstand. Sie sprach von einer Vier-Tage-Woche mit 6 Stunden-Tagen. Daran, daß insbesondere Lohnabhängige in den sozialen Medien dafür Galle über ihr ausschütten, sieht man, wie weit die Manipulation derer fortgeschritten ist, die sich eigentlich davon angesprochen fühlen sollten.

Zwar sollte die Forderung nach Arbeitsplätzen, die genug abwerfen, um damit ein ordentliches Leben führen zu können, aufrechterhalten werden. Gleichzeitig jedoch muß die Arbeit als allein sinnstiftende Lebenstätigkeit vom Podest genommen werden. Schauen wir in die Gesichter der Menschen, die zu ihren Arbeitsplätzen hasten oder anschließend heim, sehen wir in den meisten Fällen traurige Mienen. Glücklich der, welcher in seiner Arbeit aufgeht. Auf die Mehrheit trifft dies kaum zu, schon gar nicht in diesen Zeiten, wo das Ungleichgewicht zwischen Arbeitspflicht und frei nutzbarer Lebenszeit zu kippen droht. Mit verheerenden Folgen für die Gesundheitssysteme und die Gesellschaft. Denken wir über das bestehende System nach, klingt es fast schon surreal, während eines Lebens, das sich so vielseitig gestalten läßt, an den meisten Tagen immer und immer wieder die selbe Tätigkeit auszuführen.

Der alles überlagernde Lohnerwerbszwang hindert viele Menschen an der individuellen Entwicklung. Dazu kommt, daß lange Arbeitszeiten gesundheitliche und geistige Schäden anrichten, deren Behandlung von der Allgemeinheit getragen werden muß, während die durch Mehrarbeit entstandenen Extra-Profite zum größten Teil in die Taschen der Unternehmer wandern. In der Hoffnung, daß sie weitere solcher Arbeitsplätze schaffen, erlässt man ihnen dann auch immer weiter die soziale Mitverantwortung. Ein Hamsterrad: Für den Einzelnen bleibt, so sehr er auch strampelt, am Ende immer dasselbe übrig.

Der technische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte hat die Produktivität enorm gesteigert, jedoch für die Massen nicht zu einer Entlastung, sondern zu einer Arbeitsverdichtung geführt, an deren Resultaten sie kaum teilhaben. Im Gegenteil wird stetig Lohnmoderation gefordert. Aber ist Arbeiten um jeden Preis noch zeitgemäß? Weder herrschende Politik, noch Wirtschaft sind bereit dazu, an solche Diskussionen zu denken. Manche Unternehmer lassen sich zur »Schirmherrschaft« von »Grundeinkommen«-Modellen hinreißen, weil die bisher vorgestellten Versionen dieser an sich guten Idee alle eines mit sich brächten: Die völlige Freistellung der Unternehmer von sozialer Verantwortung und gesellschaftlichen Verpflichtungen.

Dabei haben Modellansätze von reduzierten Wochenstunden in manchen Ländern sehr gute Ergebnisse erzielt. Die Gesundheit und die Motivation der Beschäftigten dort entwickelten sich positiv. Zeit für das eigene Leben wird freigeschaufelt. Vereine und soziale Kreise profitieren eindeutig davon. Und nicht zuletzt der insbesondere hierzulande arg an den Nerven zehrende Straßenverkehr.

Soziale Fortschritte fallen nicht vom Himmel. Neben gewerkschaftlichem Druck müssen auch politisch Weichen dazu gestellt werden. Erst dann können längst überfällige Wochen- und Lebensarbeitszeitverkürzungen wieder auf die Agenda.

Christoph Kühnemund

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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