Kommentar von Otto Bruckner, stellvertretender Vorsitzender der Partei der Arbeit (PdA). Er war in den 1980er Jahren Vorsitzender der Kommunistischen Jugend Österreichs, selbst einige Jahre Lehrlingsausbildner in der Holzbranche und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Fragen der Berufsausbildung.

Die Berufsausbildung ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich jahrzehntelang nichts bewegt, weil die Unternehmervertreter es nicht wollen. Das duale Ausbildungssystem, also die gemischte Ausbildung in Betrieb und Berufsschule ist in dieser Form seit langem ein Modell von gestern, nämlich aus dem Lehrherrenpatriarchat. Kleinbetriebe sehen in Lehrlingen nur zu oft billige Hilfs- oder, wenn sie schon ausreichende Kenntnisse haben, auch billige Fachkräfte. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Lehrlinge in Kleinbetrieben schlecht behandelt oder ausgebildet werden. Sie sind dort jedoch in erster Linie ein Faktor in der Kalkulation, nämlich als billige Arbeitskraft. In Dienstleistungsberufen sind seit jeher besondere Missstände zu beobachten, besonders die Gastgewerbe- und Hotelleriebranche ist hier traditionell mehr an Ausbeutung denn an Ausbildung interessiert.

Daneben existieren seit Jahrzehnten die Lehrwerkstätten in den industriellen Großbetrieben, aber auch in gemeinwirtschaftlichen Betrieben wie Eisenbahn oder Straßenbahn, in denen ergänzend zur Berufsschule auch im Betrieb das Hauptaugenmerk auf die Ausbildung gelegt wird. Auch Einrichtungen, in denen beispielsweise Grund- und Flächenberufe erlernt werden können, gibt es schon lange, jedoch nur sehr wenige.

Daneben entstand aber gerade in den letzten 10 – 15 Jahren eine mit AMS-Förderungen aufgepäppelte Branche, die Lehrausbildungen im Schnellsiederverfahren anbietet. Entsetzt berichten Berufsschullehrer und ‑lehrerinnen davon, dass die Kenntnisse, die in diesen Einrichtungen vermittelt werden, mehr als dürftig sind. Lehrabschlussprüfungen in Handwerksberufen haben etwa in Wien eine Durchfallrate von 50 Prozent und mehr.

Zukunftschancen statt Notausbildung

Trotzdem reden viele politisch Verantwortliche dem Ausbau solcher Notausbildungsstätten das Wort. Das ist jedoch sinnlos rausgeschmissenes Geld. Bereits in den 1980er-Jahren hat die Kommunistische Jugend Österreichs (KJÖ) eine grundlegende Reform der Berufsausbildung gefordert. Die Grundidee war dabei, die Berufsausbildung weg von Profitinteressen und zur Gänze in den Bereich des öffentlichen Bildungswesens zu bringen. Wir forderten einen Berufsausbildungsfonds, in den von allen Unternehmen ein Beitrag zu leisten ist (ausgenommen jene, die selbst eine qualitativ hochwertige Ausbildung anbieten). Mit diesem Berufsausbildungsfonds sollten zwischen- und überbetriebliche Lehrwerkstätten errichtet werden, die von Lehrlingen zusätzlich zur Berufsschule besucht werden. Das Ziel sollte sein, die Lehrlinge nur mehr zu Praxiszwecken im normalen Betriebsablauf zu integrieren, und nicht als billige Arbeitskräfte.

Ein weiterer Punkt unserer damaligen Überlegungen war die grundlegende Reform der Berufsbilder und der Lehrberufe. Das ist zum Teil schon geschehen, so gibt es inzwischen kombinierte Lehrberufe, in denen Grundkenntnisse für mehrere verwandte Berufe erworben werden. Unsere Forderung ging aber ganz generell in die Richtung von Grund- und Flächenberufen. Stattdessen gibt es aber im neoliberalen Kapitalismus auch einen ganz entgegengesetzten Trend, nämlich die Schaffung von Teilberufen, die den Lehrlingen eine spätere Tätigkeit nur in sehr eingeschränkten Bereichen ermöglichen. „Systemgastronom“ ist so ein Beispiel. Es geht um die Zukunftschancen junger Menschen, nicht um eine möglichst große Zahl irgendwo „untergebrachter“ arbeitsloser Jugendlicher.

Über allem steht die Frage der Finanzierung: Wer gut ausgebildete Fachkräfte braucht, muss auch für ihre Ausbildung sorgen. Und deshalb geht es vollkommen in die falsche Richtung, dass die Kosten für die Berufsausbildung mehr und mehr von der öffentlichen Hand und aus dem AMS-Budget getragen werden. Die Unternehmen sollen für die Ausbildung ihrer künftigen Fachkräfte bezahlen.

Ausbildungsstätten des Klassenkampfs

Derzeit fehlen 10.000 Lehrstellen. Selbst der Österreichische Gewerkschaftsbund und die Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ ) schreien heute nach Notmaßnahmen des Staates, anstatt die Konzepte einer Loslösung der Lehrausbildung von Profitinteressen wieder aufzugreifen, wie es auch die ÖGJ früher schon gefordert hat. Schließlich geht es ja auch nicht nur um die Heranbildung irgendwelcher „Fachidioten“. Vonseiten der Gewerkschaften und auch von unserer Seite als Partei der Arbeit ist größter Wert darauf zu legen, dass etwa Fächer wie politische Bildung eine größere Rolle spielen. Die Lehrlinge sollen sich auch als junge Bürgerinnen und Bürger und – unserer Auffassung nach – als junge Angehörige ihrer Klasse, der Arbeiterklasse, verstehen lernen. Sie sollen lernen, nichts als gegeben hinzunehmen, sich zu organisieren und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dass das Kapital das genaue Gegenteil will, nämlich Duckmäuser, die nichts hinterfragen und nur brav arbeiten, liegt auf der Hand. Schon die Berufsschulen und Lehrwerkstätten sind also Stätten des Klassenkampfs, genauer: Ausbildungsstätten des Klassenkampfs.

Recht auf eine qualitativ hochwertige Berufsausbildung statt „lost generation“

Was der Kapitalismus Jugendlichen antut, die sofort nach der Pflichtschule arbeitslos sind und niemals auch nur die Chance haben, in die Arbeitswelt hineinzuwachsen, erzeugt unermessliches Leid bei den Jugendlichen selbst und in ihren Familien. Freilich versuchen gerade männliche (Migranten)Kids das mit billigem Machogehabe nach außen hin zu verbergen. Es gilt daher, dem rasch entgegenzuwirken, indem diese Jugendlichen eine Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bekommen, und dazu gehört eben auch das Recht auf Ausbildung und Arbeit. Nicht eine „lost generation“ droht, sondern eine, in der bei einem Teil der Jugendlichen rechte, nationalistische und religiös-fundamentalistische Rattenfänger leichtes Spiel haben. Der Kampf um die Hirne und Herzen jeder und jedes Einzelnen dieser Jugendlichen gehört zu den Pflichten fortschrittlicher und erst recht revolutionärer Politik. Das sind Jugendliche unserer Klasse, und keine Verlorenen!

Quelle:

Zeitung der Arbeit