Nachdem in der ersten Junihälfte die Zahl der momentan Erkrankten nur noch unwesentlich über 300 lag, gibt es nun jeden Tag um die 100 Neuerkrankungen, während die Genesungen natürlich niedriger sind. In der ersten Maiwoche, als zuletzt über 1.000 aktuelle Fälle zu Buche standen, befand sich die Kurve der Erkranktenanzahl freilich gerade im Sinken. Möchte man einen vergleichbaren Wert im Anstieg ausmachen, dann wäre dies zuletzt Mitte März der Fall gewesen. Rechnet man eine etwa zweiwöchige Inkubationszeit ein, so wären die aktuellen neuen Fälle auf Infizierungen rund um den 20. Juni zurückzuführen. Dies korreliert mit einigen weiterführenden Lockerungsmaßnahmen, Reisefreiheiten sowie mit dem umfassenden „Hochfahren“ der Wirtschaft, um wenigstens ein paar kapitalistische Profite zu retten.

Hotspot Oberösterreich, Comeback Landeck

Die neuen Fälle im größeren Umfang kündigten sich zunächst rund um das Treffen eines Salzburger Service-Clubs, in einem Neunkirchner Krankenhaus sowie im Zuge kirchlicher Zusammenkünfte in Linz an. Inzwischen hat Oberösterreich – trotz geringerer Einwohnerzahl auf weit größerer Fläche – Wien bei der Erkranktenzahl überholt. Auch Niederösterreich, die Steiermark und der Tiroler Bezirk Landeck (ja, feat. Ischgl) verzeichnen einen deutlichen Anstieg der Fälle. Mit Sonntag wurde bekannt, dass – nach dem Tönnies-Skandal in der BRD – auch in Schlachthöfen in Wels, Ried im Innkreis und Braunau offenbar Infektionsherde bestehen. Zu guter Letzt hat die Corona-Pandemie nun auch den österreichischen Profisport erreicht: Beim SV Kapfenberg, abgeschlagener Tabellenletzter der zweiten Bundesliga, gibt es gegenwärtig drei bekannte Fälle. Das Positive für die Obersteirer: Aufgrund der Annullierung der Regionalligen wird der Abstieg so oder so vermieden.

Wellenform und Wachstum

Es handelt sich insgesamt vermutlich noch nicht um die vieldiskutierte „zweite Welle“ der Virusepidemie – diese wär eigentlich eher für Herbst zu erwarten –, doch die Eindämmung von SARS-CoV‑2 scheint nicht (mehr) gut zu funktionieren – nicht nur in Österreich, sondern auch in anderen Ländern der näheren Umgebung, wenngleich man weit davon entfernt ist, ähnlich unkontrollierte Entwicklungen wie in den USA oder in Brasilien aufzuweisen. Dennoch, jede Reproduktionszahl über 1 (zuletzt lag sie in Österreich bei knapp 1,4) bedeutet eine Ausweitung der Epidemie. Und wie jeder österreichische Maturant weiß – hoffentlich auch der Bundeskanzler –, droht der Infektionszahl kein lineares, sondern ein exponentielles Wachstum. Die Belastungsgrenze der Krankenhäuser und insbesondere der Intensivstationen und Beatmungsmaschinen ist zum Stand der Dinge bei weitem noch nicht in Gefahr, doch die Menschen, die an CoViD-19 verstorbenen sind, werden demnächst die Grenze von 700 überschreiten. Das sind zwar wenige im Vergleich zu anderen Ländern, aber doch 700 zu viele.

Profit- vs. Gesundheitskrise

Freilich, die österreichische Regierung sorgt sich mehr um die ökonomische Wachstums- und kapitalistische Profitrate als um die Entwicklung der Infektions- und Sterbezahlen. Die Wirtschaftskrise hat bereits begonnen, und sie ist keineswegs nur ein Ergebnis des Corona-bedingten Lockdowns, sondern eine Gesetzmäßigkeit von Produktion und Distribution im Kapitalismus. Doch dem politischen Ausschuss des österreichischen Kapitals (aka Bundesregierung) geht es darum, wenigstens zu retten, was zu retten ist: Industrie, Landwirtschaft und Handel müssen wieder laufen, um die Verluste der Konzerne, Banken und Unternehmen nicht ganz ins Bodenlose stürzen zu lassen. Dafür ist es notwendig, dass die Österreicherinnen und Österreicher wieder – massenhaft und auf engstem Raum – in die Fabriken und Betriebe geschickt werden, dass sie in die Konsumtempel gelockt werden, dass Gesundheitsfragen hintenangestellt werden. Dass trotzdem hunderttausende Menschen ohne Job und mit finanziellen Nöten verbleiben, soll die übrigen antreiben. Das ist der Kapitalismus, ob mit oder ohne Pandemie und Krise: Profit ist wichtiger als die Gesundheit, die weitere Bereicherung der Reichen wichtiger als die Lebensbedürfnisse der arbeitenden Menschen und der Arbeitslosen. Dennoch wird die Krise durchschlagen: Dann wird abermals die Bevölkerung dafür zu zahlen haben, und es ist gewiss nur eine Frage der Zeit, bis der Finanzminister wieder auf die blendende Idee kommt, zum Zwecke der Budgetkonsolidierung im Gesundheitswesen und bei Krankenhäusern einzusparen.

Quelle:

Zeitung der Arbeit