Bisher bezahlten Menschen mit einer Behinderung 5 Euro für eine Fahrt mit dem Busdienst Adapto und 8 Euro für eine Hin- und Rückfahrt. Eine Begleitperson musste das Gleiche zahlen. Doch ab heute gilt das nicht mehr, denn Adapto wird auf Landesebene für seine Benutzer kostenlos, wie der gesamte öffentliche Transport, mit Ausnahme der Ersten Klasse in den Zügen. Das ist eigentlich erfreulich, aber bis es dazu kam, gab es viele Hürden zu überwinden.

Nachdem die Dreierkoalition von DP, LSAP und Grünen den kostenfreien Transport für behinderte Lohnabhängige zu ihrem Arbeitsplatz bereits im Jahre 2015 abgeschafft hatte, flüchtete sich der grüne Transportminister in immer neue Ausreden, um zu verhindern, dass der Transport von Menschen mit Behinderung kostenlos werden sollte. Dazu gehörte die Behauptung, dass man es mit einem »taxiähnlichen System« zu tun habe, das nicht mit dem öffentlichen Transport zu vergleichen sei.
Das war nicht nur völliger Unsinn, sondern eine regelrechte Frechheit an die Adresse behinderter Menschen, da der öffentliche Transport bis dato noch immer weit davon entfernt ist, behindertengerecht und barrierefrei zu funktionieren.

Die Kehrtwende, die seitens des Ministers und der Regierung erfolgte, geht denn auch nicht auf neu gewonnene Einsichten in die Realität zurück, mit der sich behinderte Menschen auseinandersetzen müssen, sondern ist auf ein Schockerlebnis zurückzuführen: Eine Petition für den kostenlosen Transport behinderter Menschen übertraf in weniger als fünf Tagen im Juli 2019 das nötige Quorum von 4.500 Unterschriften für eine öffentliche Anhörung in der Chamber.

Keine zwei Monate später lenkte die Regierung ein, nicht ohne allerdings eine Reihe von bürokratischen Schikanen einzubauen, die während der vergangenen Monate bei 10.000 Betroffenen für viel Aufregung und Unmut sorgten.

Für Adapto-Benutzer – auch für alle, die bisher die Bedingungen erfüllten –, wurden neue Berechtigungskarten eingeführt, und dem Antragsformular, das ausschließlich über Internet-Portale zu erhalten war, musste eine neue ärztliche Bescheinigung beigelegt werden.

Auch da bedurfte es wieder eines Aufschreis aus der Gesellschaft, bevor die Bürokratie sich erbarmte und jenen, die kurzfristig keine ärztliche Bescheinigung vorlegen konnten, eine provisorische Karte auszustellen, welche bis zum 30. April dieses Jahres gültig ist.

Inzwischen hat offensichtlich ein größerer Teil der Anwärter alle Hürden geschafft, Aber es gibt auch zahlreiche Fälle, in denen bisherigen Benutzern die Berechtigungskarte vom Ministerium verweigert wurde und ihnen damit der letzte Rest an Mobilität weggenommen wurde. Also doch Sparmaßnahmen durch die Hintertür?

Gespannt darf man auch sein, welche Erfahrungen die Benutzer, aber auch die Busfahrer mit den sogenannten Sammeltransporten machen, bei denen in der Theorie der Umweg nicht länger als 10 Minuten betragen darf, wenn ein zusätzlicher Fahrgast abgeholt wird. Heißt das auch, dass manche Busse und Fahrer nicht mehr gebraucht werden?

Viele andere Benutzer werden den Adapto-Busdienst – obwohl sie dazu berechtigt sind – nicht mehr nutzen können, da sie, weil sie nicht blind sind, nicht mehr vom Fahrer im Haus abgeholt oder zur Tür gebracht werden dürfen, und der Fahrer wird ihnen ihr Gepäck nicht mehr tragen dürfen, weil die neuen realitätsfremden ministeriellen Bestimmungen das verbieten.

Hier drängen sich schnellstens Korrekturen auf, ansonsten viele Gratuität mit Verschlechterung gleichsetzen werden. Und das kann doch wohl nicht gewollt sein, oder?

Ali Ruckert

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek