Donnerstag, 13. Dezember 2018
Solidaritätsanzeige

Ulrich Sander

So wie der Weberaufstand von 1844 den Beginn der organisierten klassenkämpferischen deutschen Arbeiterbewegung signalisierte, so standen die Reichseinheit mit „Blut und Eisen“ von 1871 und die Pariser Kommune mit ihren Barrikaden gegen die deutsche und französische Kriegspartei für den Beginn der Arbeiterbewegung als Friedensbewegung. Dem „Krieg der Geknechteten gegen ihre Unterdrücker, dem einzig rechtmäßigen Krieg in der Geschichte“ konnte die Internationale Arbeiterassoziation im Juni 1871 zustimmen. Es war jedoch schon damals erkennbar geworden, dass Kriege nach innen wie außen keine Lösung der sozialen Frage bringen und dass der Gegner mit bewaffneten Aufständen kaum zu überwinden war. Es begann eine Phase des antimilitaristischen Kampfes, des Kampfes für Abrüstung. Die hauptsächliche Kampfform sollte nun der Massenstreik gegen den Krieg und für den sozialen Fortschritt sein, worüber die SPD auf ihren Parteitagen immer wieder stritt. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren führend an diesen Debatten beteiligt.

Würde das Kapital dennoch Krieg führen, so würde dies das kapitalistische System so sehr schwächen, dass eine gesellschaftliche Umwandlung ermöglicht würde. Das war die Erkenntnis von Friedrich Engels und August Bebel, die dann in die Friedensresolution des Baseler Sozialistenkongresses vom November 1912 einfloss.

Wiederholt hat Friedrich Engels vor kommenden Kriegen von Preußen-Deutschland gewarnt, das er den Hauptverursacher der Kriegsgefahr nannte. In der Niederringung des preußisch-deutschen Militärstaats liege der Schlüssel für den Sieg des Proletariats und des Fortschritts. So schrieb er es im April 1875 in der Zeitung „Volksstaat“. Ziemlich exakt sagte er 1887 den Weltkrieg voraus: „Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen (…) endend im allgemeinen Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; (…); nur ein Resultat absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Siegs der Arbeiterklasse.“ (ME Werke; Bd. 21)

Die entschiedensten Verfechter/innen des Gedankens des Friedens und des Antimilitarismus waren bis 1919 in der deutschen Arbeiterbewegung Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Von militaristischen Politikern, Polizei und Justiz wurden sie immer wieder verfolgt, man sperrte sie ein und versuchte, sie mundtot zu machen. Sie gründeten 1915 die Gruppe Internationale und 1916 die Spartakusgruppe. Antikriegsflugblätter wurden von ihnen verbreitet. Ein grundlegendes Werk Liebknechts war „Militarismus und Antimilitarismus“ (Leipzig 1907), das besonders der internationalen Jugendbewegung gewidmet war.

Liebknecht (1871 bis 1919) war Anwalt, SPD-Reichstagsabgeordneter und Mitbegründer der sozialistischen und antimilitaristischen Jugendbewegung. Er entlarvte im Reichstag die aggressive Rolle von Rüstungskonzernen wie Krupp und Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken (Rheinmetall). In den Zeiten der drohenden Kriege war er Redner auf großen Friedenskundgebungen, so 1911 während der Marokkokrise. Im Weltkrieg rief er zu öffentlichen Protesten auf, wurde als Redner für den Frieden verhaftet.

Rosa Luxemburg (1871 bis 1919) kämpfte auf internationaler Ebene, war Delegierte auf sozialistischen Kongressen des In- und Auslands, Journalistin und Lehrerin in der Bildungsarbeit der Sozialdemokratie. Bedeutende theoretische Schriften stammen von ihr.

Die Sozialdemokratie, in der Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wirkten, war keine pazifistische Bewegung im heutigen Sinne. In der Zeit seit der Jahrhundertwende entwickelte sie sich immer mehr nach rechts, hin zu einer Bewegung der „Vaterlandsverteidigung“. Dagegen kämpfte die große Teile der Arbeiterbewegung repräsentierende Linke unter Führung von August Bebel, Klara Zetkin, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.

Das Programm des Friedens, das „Manifest der Internationale“, einstimmig angenommen vom Internationalen Sozialistenkongress in Basel im November 1912, war bei Kriegsausbruch von fast allen sozialdemokratischen Parteien über Bord geworfen worden. In Deutschland war im Dezember 1914 Karl Liebknecht der einzige Reichstagsabgeordnete, der im Parlament gegen die vom Kaiser geforderten Kriegskredite stimmte. Seine Erklärung gegen den Krieg wurde nicht als Teil des Reichstagsprotokolls zugelassen. Es herrschte nunmehr die Militärdiktatur.

Die herannahende Revolution 1918 führte im Oktober zur Befreiung von Karl Liebknecht aus dem Gefängnis und der militärischen Zwangsrekrutierung; auch Rosa Luxemburg kam am 8. November aus dem Gefängnis frei. Beide nahmen sofort an den revolutionären Bewegungen teil. Sie stritten mit der mehrheitssozialdemokratischen Führung, die sich an die Spitze der Bewegung der Arbeiter- und Soldatenräte stellte, deren inhaltliche Positionen jedoch nicht teilte. Namentlich Friedrich Ebert und Gustav Noske hielten ständigen Kontakt mit der Reichswehrführung, verabredeten Schritte gegen die zum Frieden und zur Rätedemokratie drängenden Massen. Der Spartakusbund forderte die Entmilitarisierung und erklärte, die neue Regierung sei nicht im Sinne der Arbeiter/innen; sie solle diese lediglich zum Schweigen bringen.

Die Weimarer Verfassung, die von den Linken nicht befürwortet wurde, trug mit dem Artikel 48 (Möglichkeit der Präsidialdiktatur) dazu bei, dass schon bald die Errungenschaften des November 1918 in Frage gestellt werden konnten.

Während Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in den Bewegungen eine Orientierung für den Fortschritt gaben, spielte z.B. Gustav Noske eine verhängnisvolle Rolle. Den kämpfenden Kieler Matrosen eilte er am 6. November 1918 „zur Hilfe“. Als gewählter Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates von Kiel paktierte er mit der Admiralität. Übrigens: Zum Revolutionsjubiläum wurde 2018 auch die Bundeswehradmiralität eingeladen.

Ein ganz anderes Datum ist der 15. Januar 2019, hundertster Todestag von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Nachdem beide am Neujahrstag 1919 zu Vorsitzenden der neugegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands gewählt worden waren, wurden sie mit Billigung des Reichswehrministers Gustav Noske wenige Wochen später von Freikorpsverbänden ermordet.

Seinen Tod schon ahnend, schrieb Karl Liebknecht seine letzten Worte: „Leben wird unser Programm; es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen. Trotz alledem!“ Er schrieb „Menschheit“ und nicht „deutsches Volk“. Er war, wie auch Rosa, Internationalist. Unvergessen ist Rosa Luxemburgs Vermächtnis: „Ich war, ich bin, ich werde sein!“

Ulrich Sander (77) ist Bundessprecher der VVN-BdA, Journalist, Mitorganisator des ersten deutschen Ostermarsches und der SDAJ. Zu diesem Artikel siehe auch „Liebknecht oder Seehofer und Orbàn“ in Heft 5/18 des Friedensforums.


Quelle:

VVN-BdA Landesvereinigung Nordrhein-Westfalen

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