Donnerstag, 13. Dezember 2018
Solidaritätsanzeige

Aktion gegen Hartz in MünsterKinder erwerbsloser Eltern sind im Durchschnitt kleiner als ihre Altersgenossen aus Familien, in denen die Eltern Arbeit haben. Das hat eine Studie der Universität Tübingen ergeben. Kinder aus erwerbslosen Familien sind demnach durchschnittlich 1,5 Zentimeter kleiner als ihre Altersgenossen, fanden Prof. Dr. Jörg Baten von der Uni Tübingen und Andreas Böhm vom Landesgesundheitsamt Brandenburg heraus.



Dass die Körpergröße ein Indikator für die Qualität der medizinischen Versorgung und Ernährung sein kann, erscheint vielen bereits intuitiv einleuchtend. Betrachtet man die großen Hungersnöte und Versorgungsengpässe ausgelöst durch Kriege und Naturkatastrophen in den vergangenen Jahrhunderten, so ist zu beobachten, dass die davon betroffenen Menschen deutlich kleiner sind als Menschen aus Regionen, in denen eine normale Versorgung besteht. Doch dass es keiner großen Kriege bedarf, damit Menschen in gewisser Weise unterversorgt sind und damit auch weniger wachsen als andere, zeigen nun die Forschungsergebnisse des Tübinger Wirtschaftshistorikers. Dabei ist zu beachten, dass diese Körpergröße als Indikator nur für Durchschnitte einer großen Anzahl von Körpergrößen gilt. Die geringe Körpergröße eines einzelnen Menschen sagt nichts über das Wohlergehen aus, weil es eine breite genetische Streuung gibt.

Im Mittelpunkt der Untersuchungen stand das Wachstum von Kindern aus dem Bundesland Brandenburg. Die Wissenschaftler untersuchten, inwiefern eine hohe Arbeitslosigkeit in der Region und weitere Faktoren, wie beispielsweise eine hohe Abwanderungsrate, das Wachstum von Kindern in dem Zeitraum 1994 bis 2006 beeinflussten. Die Daten stammen vom Landesgesundheitsamt Brandenburg und wurden im Zuge der Einschulung von Erstklässlern erhoben. Dabei konnte nicht nur die Körpergröße, das Alter und das Geschlecht von über 250.000 Kindern dokumentiert werden. Es wurden auch sozioökonomische Daten beispielsweise zum beruflichen Status der Eltern, deren Ausbildungsniveau sowie Anzahl der Kinder und Anzahl der Erwachsenen je Haushalt erfasst.

Anhand dieser Daten zeigen Baten und Böhm, dass die Arbeitslosigkeit der Eltern einen signifikant negativen Einfluss auf die Körpergröße ihrer Kinder hat. Dabei scheint jedoch das mit einer Arbeitslosigkeit einhergehende geringere Einkommen eine weniger bedeutende Rolle zu spielen, als psychologischer Stress und Frustration der Eltern. Diese Faktoren könnten zu einer Vernachlässigung der Kinder bezüglich ihrer Versorgung führen. Auch die Abwanderungsrate als ein Maß für die wirtschaftlichen Bedingungen eines bestimmten Gebiets steht in einem negativen Zusammenhang mit der Körpergröße der Kinder. Da es häufig eher die gebildetere Bevölkerungsschicht ist, die eine Region in der Folge schlechter Bedingungen verlässt, bleiben die weniger Gebildeten zurück. Da gerade Familien mit gebildeten Eltern in der Regel mehr Wert auf eine gesunde Ernährung und medizinische Versorgung der Kinder legen, entwickeln sich diese besser und werden größer.

Von besonderer Bedeutung scheint insbesondere das Ausbildungsniveau der Mutter zu sein, da sich die Mutter in der Regel an erster Stelle um Belange wie Ernährung und Versorgung der Kinder kümmert.  Interessanterweise stellen die Autoren jedoch auch fest, dass Kinder von Alleinerziehenden bezüglich ihrer Körpergröße keinen Nachteil gegenüber Kindern aus Familien mit zwei Elternteilen aufweisen. Allerdings zeigt sich ein positiver Einfluss auf die Größe der Kinder, sobald drei oder mehr Erwachsene im gleichen Haushalt leben, also wenn beispielsweise zusätzlich Großeltern vor Ort sind, die die Versorgung der Kinder mit unterstützen.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass die Körpergröße von Kindern aus Brandenburg in dem Zeitraum 1994 bis 2006 negativ durch die hohe Arbeitslosigkeit der Eltern beeinflusst wurde. Dieser Effekt bleibt auch nach Kontrolle durch andere mögliche Faktoren bestehen. Damit zeigt sich, dass die Körpergröße von Kindern als ein äußerst sensibler Indikator für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung einer Region herangezogen werden kann. 

Erwerbslosen-Initiativen und Sozialverbände kritisieren seit Bestehen der Hartz IV Reformen die unzureichenden Hartz IV Regelsätze für Kinder. Laut der Regelsatz-Verordnung stehen Kindern täglich 2,57 Euro für Nahrungsmittel und Getränke zur Verfügung. Um aber eine gesunde und vollwertige Ernährung zu gewährleisten sind laut einer Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund mindestens 5,71 Euro pro Tag notwendig.

Quellen: Universität Tübingen, gegen-hartz.de / RedGlobe

 

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