Dienstag, 21. August 2018
Solidaritätsanzeige

PRO ASYL: Inte­grie­ren statt iso­lie­ren – Innen­mi­nis­ter müs­sen auf Aus­gren­zung und Iso­lie­rung zie­len­den popu­lis­ti­schen Ten­den­zen ent­ge­gen­tre­ten

Zur Früh­jahrs­kon­fe­renz der Innen­mi­nis­ter von Bund und Län­dern vom 6. bis 8. Juni rich­tet PRO ASYL den ein­dring­li­chen Appell, eine auf Inte­gra­ti­on zie­len­de Flücht­lings­po­li­tik fort­zu­ent­wi­ckeln. »Die Iso­lie­rung in AnkER-Zen­tren zer­stört Inte­gra­ti­on und ver­hin­dert zudem ein fai­res rechts­staat­li­ches Asyl­ver­fah­ren, in dem die Flucht­grün­de auf­ge­klärt wer­den und bei Fehl­ent­schei­dun­gen des BAMF Gerich­te den drin­gend nöti­gen Schutz gewäh­ren«, sagt Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL.

»Die auf Bun­des­ebe­ne von See­ho­fer geplan­te Iso­lie­rung in AnkER-Zen­tren ist kurz­sich­tig, scha­det den Län­dern und Kom­mu­nen, die die Inte­gra­ti­on bewäl­ti­gen müs­sen und führt in der Kon­se­quenz zu noch mehr Fehl­ent­schei­dun­gen des BAMF, die dann kaum noch von den Gerich­ten kor­ri­giert wer­den.«

Zur bevor­ste­hen­den Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz in Qued­lin­burg for­dert PRO ASYL:

  1. Kei­ne Iso­lie­rung in Ankunfts-, Ent­schei­dungs-, und Rück­füh­rungs­zen­tren (AnkER-Zen­tren)

Die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Flücht­lin­ge kommt aus Her­kunfts­staa­ten wie Syri­en, Afgha­ni­stan, Irak, Iran, der Tür­kei und Soma­lia. Krieg, Ter­ror und Ver­fol­gung wer­den dort fort­be­stehen, eine bal­di­ge Rück­kehr ist unrea­lis­tisch. Es ist eine Illu­si­on zu glau­ben, Men­schen mit angeb­lich »schlech­ter Bleibe­per­spek­ti­ve« aus Afgha­ni­stan, Irak, der Tür­kei und ande­ren Län­dern wür­den inner­halb eines Zeit­raums von 18 Mona­ten das Land wie­der ver­las­sen. Das Kon­zept der Bleibe­per­spek­ti­ve nimmt pau­schal an, dass alle Men­schen aus Län­dern mit einer Gesamt­schutz­quo­te (unbe­rei­nigt!) von unter 50% kei­ne posi­ti­ve Bleibe­per­spek­ti­ve hät­ten.

Das Bei­spiel Afgha­ni­stan zeigt, wie absurd die­se Annah­me ist: Rund 47% der Afgha­nIn­nen erhal­ten Schutz in Deutsch­land (berei­nig­te Schutz­quo­te, BT-Drs. 19/635). Die BAMF-Aner­ken­nungs­quo­te von knapp unter 50% bedeu­tet also für 100% der ankom­men­den Afgha­nIn­nen eine »schlech­te Bleibe­per­spek­ti­ve«. Arbeits- und Aus­bil­dungs­ver­bo­te, kei­ne Inte­gra­ti­ons­kur­se usw. sind die Fol­ge. Vie­le, deren Antrag abge­lehnt wur­de, kla­gen vor Gericht dage­gen – und beka­men 2017 in mehr als 60% der inhalt­lich geprüf­ten Fäl­le Recht.

Dauer­iso­lie­rung in Mas­sen­un­ter­künf­ten abseits von gro­ßen Orten ist für die Betrof­fe­nen kata­stro­phal. Inte­gra­ti­ons­chan­cen wer­den zer­stört, wenn über lan­ge Zeit hin­weg der Zugang zu Schu­le, Arbeit, neu­en Nach­barn und Ehren­amt­li­chen ver­sperrt wird. Nur bei ange­nom­me­ner »posi­ti­ver Bleibe­per­spek­ti­ve« sol­len Flücht­lin­ge laut Koali­ti­ons­ver­trag auf Kom­mu­nen ver­teilt wer­den.

PRO ASYL warnt vor einer Poli­tik, die einer­seits Inte­gra­ti­on betont und die­se bei der Neu­re­ge­lung zum Fami­li­en­nach­zug sogar zum zusätz­li­chen Kri­te­ri­um macht, ande­rer­seits aber den Zugang zu Inte­gra­ti­on mit Hil­fe von AnkER-Zen­tren sys­te­ma­tisch ver­sperrt. So legt die Gro­ße Koali­ti­on im Koali­ti­ons­ver­trag auf Inte­gra­ti­on wert, bei­spiels­wei­se durch das »For­dern und För­dern« von Inte­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen (KV, Zei­le 4853) oder durch die Aus­bil­dungs­re­ge­lung für Gedul­de­te (KV, Zei­le 4903).

In den geplan­ten AnkER-Zen­tren unter­lie­gen die Betrof­fe­nen jedoch ver­schie­dens­ten Restrik­tio­nen, wie z.B. einem Arbeits­ver­bot. Die Iso­la­ti­on in sol­chen Zen­tren wird nicht nur desas­trö­se Fol­gen für die Ein­zel­schick­sa­le haben: Kon­flik­te, Gewalt­po­ten­ti­al, Per­spek­tiv­lo­sig­keit bis hin zur Kri­mi­na­li­tät kön­nen die Fol­ge sein.

Inte­gra­ti­ons­pro­ble­me sind nicht dadurch lös­bar, dass man die Schutz­su­chen­den in Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen fest­hält. Kom­mu­nen müs­sen ver­stärkt dabei unter­stützt wer­den, Schutz­su­chen­de men­schen­wür­dig unter­zu­brin­gen und den Kon­takt zu Ehren­amt­li­chen und zur Bevöl­ke­rung zu ermög­li­chen. Nur so kön­nen Berüh­rungs­ängs­te abge­baut wer­den und kann Inte­gra­ti­on gelin­gen.

  1. Fai­re Asyl­ver­fah­ren gewähr­leis­ten – ver­spro­che­ne unab­hän­gi­ge Asyl­ver­fah­rens­be­ra­tung rea­li­sie­ren

PRO ASYL for­dert, aus den öffent­lich zuta­ge tre­ten­den Män­geln des Asyl­ver­fah­rens Kon­se­quen­zen zu zie­hen. Die kla­re Ver­ein­ba­rung der Gro­ßen Koali­ti­on zu einer unab­hän­gi­gen und flä­chen­de­cken­den Ver­fah­rens­be­ra­tung ist zu begrü­ßen: »Eine unab­hän­gi­ge und flä­chen­de­cken­de Asyl­ver­fah­rens­be­ra­tung ist zu gewähr­leis­ten«. (KV, Zei­le 4918 f.) Eine schnel­le Umset­zung ist drin­gend erfor­der­lich. Sie hilft, ein recht­staat­li­ches Ver­fah­ren zu rea­li­sie­ren, in dem die Schutz­be­dürf­tig­keit utz­be­dürf­ti­ge­Be­trof­fe­ner fest­ge­stellt und ihnen Schutz gewährt wird. PRO ASYL kri­ti­siert erneut, dass die Ergeb­nis­se des Pilot­pro­jek­tes des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums mehr als ein hal­bes Jahr lang nicht ver­öf­fent­licht wur­den. Mit Hil­fe einer unab­hän­gi­gen und flä­chen­de­cken­den Ver­fah­rens­be­ra­tung wer­den Asyl­ver­fah­ren bes­ser und füh­ren zu gerech­te­ren Ergeb­nis­sen, die Über­las­tung der Jus­tiz durch mas­sen­haf­te Fehl­ent­schei­dun­gen wird redu­ziert.

Es sind oft ehren­amt­li­che Hel­fe­rIn­nen und Mit­ar­bei­te­rIn­nen von Bera­tungs­stel­len, die Asyl­su­chen­de dabei unter­stüt­zen, Kon­takt zu Anwäl­tIn­nen her­zu­stel­len. Ohne den effek­ti­ven Zugang zu Rechts­bei­stand, ohne Beglei­tung bei Anhö­run­gen, ohne unab­hän­gi­ge Bera­tung nach Erhalt der Asyl­be­schei­de des BAMF droht die Rechts­schutz­ga­ran­tie des Grund­ge­set­zes de fac­to aus­ge­he­belt zu wer­den. Die Zahl der Fehl­ent­schei­dun­gen des BAMF ist hoch, die Gerichts­quo­ten spre­chen für sich: Fast jede zwei­te Kla­ge hat Erfolg (40,8% der inhalt­lich geprüf­ten Fäl­le im Jahr 2017, BT-Drs. 19/635).

Bis­her ist nicht geklärt, wie die Asyl­ver­fah­rens­be­ra­tung finan­ziert wer­den soll. Im Koali­ti­ons­ver­trag fin­det sich kei­ne Anga­be in der Lis­te der prio­ri­tä­ren Aus­ga­ben der Bun­des­re­gie­rung (Zei­le 3000 ff.). Bund und Län­der müs­sen sich in Qued­lin­burg auf eine Finan­zie­rung eini­gen. Glei­ches gilt für die nicht näher kon­kre­ti­sier­te »spe­zi­el­le Rechts­be­ra­tung für beson­de­re vul­nerable Flücht­lin­ge« (Koali­ti­ons­ver­trag, Zei­le 4984 f.).

Staat­li­che Rück­kehr­be­ra­tung vor den Asyl­ver­fah­ren führt zu Fehl­ent­schei­dun­gen

Rechts­staat­lich äußerst bedenk­lich ist die bis­he­ri­ge Pra­xis, eine staat­li­che Rück­kehr­be­ra­tung – teil­wei­se noch vor Asyl­ver­fah­ren bzw. Anhö­rung – durch­zu­füh­ren. Die För­der­leis­tun­gen wer­den sogar umso höher, je frü­her der Antrag zurück­ge­zo­gen bzw. gar nicht erst gestellt wird (Bun­des­pro­gramm »Start­hil­fe Plus«). Wenn das BAMF als die Stel­le, die über den eige­nen Asyl­an­trag ent­schei­den soll, schon von Anfang an zur Rück­kehr berät, wird viel­mehr der Ein­druck ver­mit­telt, man sei ohne­hin uner­wünscht, habe sowie­so kei­ne Chan­cen und sol­le mög­lichst schnell das Land ver­las­sen.

Asyl­su­chen­de wer­den so zur Rück­nah­me ihres Antra­ges oder zum Ver­zicht auf eine Kla­ge bewegt – trotz hoher Ent­schei­dungs- und Gerichts­quo­ten. Die Wider­sprüch­lich­keit die­ser früh­zei­ti­gen Bera­tung staat­li­cher­seits wird beson­ders deut­lich, wenn man sieht, dass selbst Syre­rIn­nen zur Rück­kehr bera­ten wer­den sol­len.

  1. Fami­li­en­nach­zug ermög­li­chen

PRO ASYL for­dert: Fami­li­en­nach­zug für sub­si­di­är Geschütz­te ist aus grund- und men­schen­recht­li­cher Sicht zwin­gend. Die Ehe und die Ein­heit der Fami­lie sind im Her­kunfts­land nicht her­stell­bar.

Die Bun­des­re­gie­rung hat den Ent­wurf eines »Geset­zes zur Neu­re­ge­lung des Fami­li­en­nach­zugs zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten« (Fami­li­en­nach­zugs­neu­re­ge­lungs­ge­setz) vor­ge­legt, er soll noch im Juni im Bun­des­tag beschlos­sen wer­den. PRO ASYL hat dazu umfas­send Stel­lung genom­men. Die Bun­des­län­der haben im Bun­des­rat immer noch die Mög­lich­keit, einen Aus­schuss nach Art. 77 Abs. 2 GG anzu­ru­fen bzw. dann einen Ein­spruch nach Art. 77 Abs. 3 GG ein­le­gen.

Die meis­ten sub­si­di­är Geschütz­ten stam­men aus Syri­en und war­ten größ­ten­teils schon seit Jah­ren auf ihre Fami­lie. Der sub­si­diä­re Schutz ist bei syri­schen Flücht­lin­gen in der Rea­li­tät genau­so lan­ge nötig wie GFK-Flücht­lin­gen. Auch im inzwi­schen ach­ten Jahr des Bür­ger­kriegs ist kein Ende des Kon­flikts oder gar eine Rück­kehr von Flücht­lin­gen in Sicht. Die Tür­kei führt im kur­di­schen Nor­den Syri­ens einen Krieg, der erneut Tau­sen­de zur Flucht zwingt, die Assad-Regie­rung greift Rück­zugs­or­te der Rebel­len erbar­mungs­los an –. Ein bal­di­ger Frie­den ist nicht abseh­bar – schon gar kei­ner, der ein Ende der Dik­ta­tur von Assad zur Fol­ge hät­te.

PRO ASYL for­dert die Bun­des­län­der auf, sich dem Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zur Ein­schrän­kung des Fami­li­en­nach­zugs klar ent­ge­gen­zu­stel­len (Ein­spruchs­ge­setz). Eben­so kön­nen sie auf Lan­des­ebe­ne ver­stärkt von Lan­des­auf­nah­me­pro­gram­men Gebrauch machen.

  1. Schnel­ler Zugang zu Arbeits­markt und Bil­dung

Die Rea­li­tät zeigt, dass von den seit 2013 ange­kom­me­nen 1,68 Mil­lio­nen Schutz­su­chen­den 900.000 einen Schutz­sta­tus bzw. eine Auf­ent­halts­er­laub­nis oder Dul­dung erhal­ten haben. Von die­sen Schutz­su­chen­den sind nur rund 24.000 Men­schen Ende März 2018 »voll­zieh­bar aus­rei­se­pflich­tig« gewe­sen, d.h. knapp 1,5%. Damit muss sich die Poli­tik auch auf Lan­des­ebe­ne aus­ein­an­der­set­zen: Damit die tat­säch­lich also ohne­hin erfor­der­li­che Inte­gra­ti­on in den Arbeits­markt gelin­gen kann, müs­sen die Wei­chen so früh wie mög­lich gestellt wer­den − die zu lan­ge Unter­brin­gung in Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen, man­geln­de Sprach­kur­se, Arbeits­ver­bo­te, eine feh­len­de Auf­ent­halts­si­cher­heit sowie unzu­rei­chen­de Inves­ti­tio­nen in Bil­dung und Aus­bil­dung hin­dern den effek­ti­ven Zugang und eine gelin­gen­de Inte­gra­ti­on.

  1. Abschie­bungs­mo­ra­to­ri­um für Afgha­ni­stan und Neu­be­wer­tung aller Ableh­nun­gen von Afgha­nIn­nen

PRO ASYL begrüßt, die im Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes (AA) vom 31. Mai vor­ge­nom­me­ne Neu­be­wer­tung des soge­nann­ten »inter­nen Schut­zes« als Annä­he­rung an die Rea­li­tät und die desas­trö­se Sicher­heits­la­ge in Afgha­ni­stan. Die pau­scha­li­sier­te Ableh­nung durch das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) mit dem Ver­weis auf soge­nann­te inlän­di­sche Schutz­al­ter­na­ti­ven inner­halb Afgha­ni­stans lässt sich nicht mehr auf­recht­erhal­ten.

PRO ASYL for­dert eine Ände­rung der Ent­schei­dungs- und Ableh­nungs­pra­xis und eine Neu­be­wer­tung aller in den letz­ten bei­den Jah­ren abge­lehn­ten afgha­ni­schen Asyl­an­trä­ge. Die Kon­fe­renz der Innen­mi­nis­ter von Bund und Län­dern muss sich mit die­ser The­ma­tik befas­sen. Bis­lang steht Afgha­ni­stan aber nicht auf der Tages­ord­nung.

Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan sind in der kon­kre­ten, sich immer wei­ter ver­schär­fen­den Lage nicht zu ver­tre­ten. Bund und Län­der müs­sen die Fak­ten aner­kann­ter Quel­len sowie die Pres­se­be­richt­erstat­tung über immer neue Anschlä­ge mit vie­len getö­te­ten Zivi­lis­tIn­nen ernst neh­men und sich für einen Abschie­be­stopp nach Afgha­ni­stan und auf­ent­halts­recht­li­che Sicher­heit für afgha­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge ein­set­zen.

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Quelle:

Pro Asyl

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